Angefochtenes Kaisertum:
Der Bürgerkrieg im Oströmischen Kaiserstaat, c. 500-1204

Das Projekt untersucht das Phänomen Bürgerkrieg im Oströmischen bzw. Byzantinischen Reich in der Zeit vom ausgehenden 5. Jahrhundert bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahr 1204. Die zeitliche Abgrenzung der Untersuchung setzt den Fokus auf den Zeitraum, in dem ein auf den Osten beschränktes Römisches Reiches als ein einzelner zentralisierter Staat unter einer Kaiserstadt und einem Herrscher weiterhin bestand. Die Arbeitsthese ist, dass sich ein Bürgerkrieg von internen Konflikten anderer Art insofern unterscheidet, als es sich dabei um die Beziehung der rebellierenden Gruppe zur Kaisermacht prinzipiell handelt, nämlich um das Ziel des Rebellenführers, mittels eines bewaffneten Konfliktes entweder die Herrschaft über den Kaiserstaat an sich zu reißen (Herrschaftskonflikt) oder dessen territoriale Einheit in Zweifel zu ziehen (Separationskonflikt). Dies macht den Bürgerkrieg zum eigenständigen Phänomen, welches von anderen, aus Militärmeutereien oder Bevölkerungsaufständen entstandenen Konflikten innerhalb eines vormodernen Kaiserreichs, getrennt zu untersuchen ist Die Arbeitsmethode geht von einer modernen analytischen Bürgerkriegstypologie aus, welche die Untersuchung der vielfältigen Ursachen des Ausbruchs, der Entwicklung und des Ausgangs von byzantinischen Macht- und Separationskonflikten ermöglichen wird. Diese werden in vergleichender Weise exploriert, um die variierende Rolle von Sozialstatus und sozialem Kapital der Rebellionsführer, weiters reichsweit von ideologischen (religiöser oder politischer Natur) und wirtschaftlichen Faktoren sowie von verschiedenen Identitäten (regionale, religiöse, ethnische) bei den diversen Bürgerkriegstypen festzustellen. Ziel der Untersuchung ist es, den Einfluss von internen und externen Faktoren, wie z. B. Militärmacht, Wirtschaft, Ideologie und Profil der Reichsfeinde, auf den Charakter und die veränderte Rolle des Bürgerkrieges im besagten Zeitraum, insbesondere in Hinsicht auf den Einfluss des Phänomens auf den eingesetzten Verfallsprozess der Reichseinheit nach dem ausgehenden 11. Jahrhundert und die darauffolgende Reichsauflösung durch den 4. Kreuzzug. Darüber hinaus wird sich die Forschung auf die sozialen Effekte der Bürgerkriege auf verschiedene Sozialgruppen und Siedlungsgemeinschaften innerhalb des Reiches sowie auf die Wahrnehmung des Phänomens durch die Reichsuntertanen konzentrieren. Die angestrebten Ergebnisse werden zu einem tiefgehenden Verständnis des Phänomens Bürgerkrieg als eines zentralen Aspekts der byzantinischen sozialpolitischen Verhältnisse beitragen und eine neue umfassende Erklärung des langwierigen Verfallsprozesses des zentralisierten kaiserlichen Staatswesens anbieten. Darüber hinaus werden sie den „Fall“ Byzanz als einen wichtigen Aspekt der interdisziplinären Forschung zu den Themen Bürgerkrieg und mittelalterliches Staatwesen hervorheben und den Dialog zwischen der Byzantinistik und den Mittelalterlichen Studien, der historischen Soziologie und der Konfliktforschung fördern.

 

Contested Empire:
Civil War in the Medieval East Roman Imperial State, c. 500–1204

The project focuses on the exploration of civil war in the East Roman or Byzantine Empire between the late-fifth century and the conquest of Constantinople by the Crusades in 1204. The chronological limits of the research focus on the period, in which the medieval successor of the Roman Empire in the East continued to stand as a centralized imperial state under the rule of one imperial capital and a single ruler. The main thesis of the study is that the phenomenon of civil war needs to be distinguished from military mutinies and other kinds of revolt in the Empire on the basis that it refers to armed conflict principally determined by the aims of the rebellious group with regard to the imperial state. This means that the rebels employed military violence concretely as a means to either claim the rule of the imperial state (leadership conflict) or to defy its territorial unity (secession conflict). The research method will make use of a modern analytical typology of internal armed conflict that will facilitate a scrutiny of the multiple causes for the outbreak, development and outcome of Byzantine civil wars. These will be explored in a comparative manner in order to discern basic patterns with regard to the differentiated role of the rebellious leader’s social status (i.e. social capital), of ideological issues (religious, political), of military and economic parameters as well as of identities (regional, religious, ethnic). The aim of the research is to scrutinize the impact of internal and external factors, such as military power, economy, ideology, and the nature of foreign enemies, on the character and the changed nature of civil war in the system of empire with regard to its role in paving the way after the late-11th century for the centralized imperial state’s disintegration by the Fourth Crusade. Moreover, the study aims to explore the social effects of civil war on the masses of common people as well as on the political relationship between the imperial city-state of Constantinople and various types of provincial communities and social groups. The expected results will provide a complete picture of the causal relationships and the dynamic underlying the phenomenon of civil war as a central aspect of Byzantine social relations. Moreover, they will provide an alternative comprehensive explanation of the long-drawn process that caused the unmaking of the empire and the ultimate fragmentation of Byzantine society in 1204. Finally, they will contribute to comparative historical research on the study of medieval civil war and pre-modern state formation as well as to interdisciplinary dialogue between the fields of Byzantine and Medieval Studies, Historical Sociology and Conflict Studies.